Die Kunst des Klavierspiels

1024 768 Beatrice Berrut

Kompositionen sind mit den Skizzen einer Malerei vergleichbar: Die Umrisse, Proportionen und das Grundthema sind vorhanden. Es ist die Aufgabe des Interpreten, dieses grundlegende Gerüst zu respektieren und zu verstehen, und sie dann in Farben und Licht zu tauchen. Wie ein Maler, der das Detail einer Blume zelebriert und dabei ihren Platz im allgemeinen Gefüge der Landschaft berücksichtigt, muss der Musiker ein Gefühl von Proportion und Priorität entwickeln. Aus dieser klaren Differenzierung, bestimmte Elemente hervorzuheben und andere im Schatten verborgen zu lassen, besteht eine Interpretation. Der Interpret hat eine unendliche Farbpalette, die ihm erlaubt die Partitur zum musikalischen Strahlen zu bringen. Es kann einfach nicht alles in einer Partitur geschrieben stehen. Es ist die Phantasie des Künstlers, die ihm eine riesige Auswahl zur Verfügung stellt. Klangkraft, Dynamik und Dauer muss noch vor dem Anschlag begriffen werden. Dieses permanente Vordenken ist für die Streicher, die Bläser und die Sänger ganz natürlich, weil sie den Ton „denken“ müssen, bevor sie ihn erzeugen. Am Klavier ist das keineswegs der Fall. Das Klavier ist ein neutrales Instrument, das beim einfachen Drücken einer Taste klingt. Diese Neutralität macht es jedoch zu einem Instrument, das jede Rolle einnehmen kann. Nur die künstlerische Kraft bringt es aus seiner emotionalen Schläfrigkeit, und gibt ihm eine unvergleichliche Stimme. Die Arbeit, die an einem Werk geleistet wird, ist daher vor allem eine Arbeit an sich selbst um seiner eigenen Vorstellungskraft eine konkrete und klangliche Form zu geben.

Der Klang von Musik verbindet länger als für einen Konzertabend, wenn wahrlich Gehör geschenkt wird und erzählt so manche wundersame Geschichte. Manchmal unvergesslich.

Beatrice Berrut, 2018

Konzertpianistin Beatrice Berrut

Die größte Kraft auf der Welt ist das Pianissimo.

Maurice Ravel ( 1875 – 1937 )

Ich stelle mir Musik als eine universelle Sprache vor, die im Äther frei erklingt, bevor sie von der Feder des Komponisten eingefangen wird. Der Musiker deutet diese Sprache, und daraus kommt die wirklich Bedeutung des Wortes „Inter“-pret: Er liegt „zwischen“ der Musik und dem Publikum. Seine Rolle ist zweideutig: Der Künstler muss seine Persönlichkeit und seine Emotionen zum Ausdruck bringen, ohne dabei den Inhalt der Musik zu verzerren. Es handelt sich fast um einen Drahtseilakt, wo das Gleichgewicht zwischen der Subjektivität des Musikers und der Objektivität der Komposition immer wieder aufs Neue ausgeglichen werden muss.

Kreativität & künstlerisches Schaffen

Es ist eine wahre Verantwortung geniale Musik an andere weiterzugeben; das erklärt wahrscheinlich das Lampenfieber. Musik ist eine Kunst des Augenblicks. Es macht sie zart und zerbrechlich. Die vielen Stunden, während man übt zählen wenig, wenn die öffentliche Ausführung nicht wahrlich gelingt. Genau das macht das Konzert so spannend und verleiht ihm seine Einzigartigkeit und Spontaneität. Nie sind zwei Abende gleich, und das hängt sowohl vom Spiel des Musikers als auch von der Fähigkeit des Publikums ab, in die Musik einzutauchen.

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